Arkadien, weit hinten im Wald

Schloss Kochberg: Ein ganz kleines Land als ganz großes Theater für alle seine Liebhaber

»Es kann passieren, dass ein Gast sich einen frischen Salat bestellt, und Sekunden später der Koch am Fenster vorbei geht, auf dem Weg zum Schloss eigenen Kräutergarten.« Wir haben keinen Zweifel an der Richtigkeit dessen, was Jürgen Hofmann uns erzählt, und gucken verstohlen zur Seite aus dem Fenster, ob denn auch jetzt der Koch sich aufmache. Denn wir haben auch einen Salat bestellt. »Wir haben auch unseren eigenen Jäger,« fährt der Pächter fort, »der geht natürlich nicht  mit dem Hirsch durch den Gastraum, aber derzeit ist er in der Küche, um einen zu zerlegen, der taucht dann am Wochenende auf der Tageskarte auf.«  Ja, das ist es, was uns entzückt, diese direkte Natürlichkeit. Hier ist nichts manieriert, nichts für Touristen aufgesetzt, da hoppelt keiner als Hase verkleidet, es gibt keine Sülze á la von Stein und keinen Kloß á la Goethe. Wir sind in Großkochberg, das kaum einer kennt, sitzen dort im Restaurant des Schlosses Kochberg, das als Wohnsitz derer von Stein jeder Freund der Deutschen Klassik kennen müsste, und deren Nachfahren sich immer noch für das kleine Wasserschlösschen und das Liebhabertheater engagieren. Und tatsächlich, während wir mit Hofmann plaudern, weil die Restaurant-Chefin Katrin Kupka einen wichtigen Termin hatte, setzen sich auf dem Flur der Koch mit der Gärtnerin zusammen um zu besprechen, was man denn neu anpflanzen könnte. Wir sitzen derweil entspannt über einem frischen Kräutersalat mit Frischkäsemousse mit geschmorten Tomaten an einem Himbeer-Honig-Dressing (3,90 Euro), stören den Küchenchef mit einem kurzen, aber herzlichen Lob und geraten in einen geradezu zeitlosen Zustand der Zufriedenheit. Der Golf von Mexiko und BP sind weit, Berlin ist fast genausoweit, und die Griechen sind ein Begriff für die Klassik. Ja, wenn jetzt Johann Wolfgang vorbeikäme. Natürlich würden wir ihn fragen, ob sein Herz nun Charlotte gehörte oder der Herzogin Anna Amalia, wie freche Buben mutmaßen.

»... ich habe mich gestern herausgeflüchtet, bin um halb Sechs zu Fuß von Weimar abmarschiert und war halb zehn schon hier, da alles schon verschlossen war und sich zum Bettgehen bereitete...«

Von 1775 bis 1788 eilte der junge Dichter oft zum Schloss »hinter den Bergen«. Für die Strecke benötigte er nach eigenen Angaben zweieinhalb Stunden zu Pferde, zu Fuß vier. Die Verbindung zwischen Weimar und Schloss Kochberg ist heute ein 28 Kilometer langer Weg, der mit einem großen weißen »G« auf grünem Grund markiert ist.

So marschierte Goethe von seinem Haus am Frauenplan zum Gehädrich am Stadtrand von Weimar und weiter in Richtung Vollersroda. An der Balsamine vorbei durchs mittlere Ilmtal, nach Buchfart zur überdachten Holzbrücke, an der Felsenburg vorbei nach Saalborn. In den Dammbachsgrund, an den Rasenbänken vorbei, Richtung Schwarza. Von dort weiter nach Hochdorf, wo im Oktober 1806 die preußische Armee lagerte, bevor sie in der Schlacht von Jena und Auerstedt furchtbare Prügel bezog. Über die Hochebene nach Neckeroda, schließlich zum Luisenturm, der Enkeltochter der Charlotte von Stein gewidmet, dann ist das Ziel erreicht, das Schloss Kochberg, Landsitz des Oberstallmeisters Josias von Stein und seiner Frau Charlotte. 

»Wir haben«, fährt Hofmann, als hätte er nicht mitbekommen, wie abwesend wir in den letzten Minuten waren, fort und reißt uns in die Gegenwart zurück. »Wir haben aus dem Investitionsfonds 2 Millionen bekommen.« Wir nicken freudige Anerkennung. »Damit wird der Eingang verlegt, der Zutritt erfolgt künftig über die Holzbrücke, die den Burggraben überquert. Geplant sind 43 Betten in den beiden Obergeschossen, aber ich führe noch Diskussionen mit dem Brandschutz und dem Denkmalschutz wegen eines Liftes.« Die beiden »Schützer« scheinen immer miteinander und gemeinsam mit dem investitionswilligen Betreiber im Clinch zu liegen. Ein Hauch von Berlin umweht uns.

»Sie scheinen nicht bei der Sache zu sein«, rügt uns Jürgen Hofmann, während aus der Küche geschmorte Waldpilze mit Gemüsestroh und gebratenen Serviettenknödeln (6,80 Euro) aufgetragen werden. »Doch, doch«, antworten wir schnell.

»Ich habe etwas für Sie, etwas das Ihnen gefallen und Ihrer romantischen Sehnsucht entsprechen könnte.« Eigentlich wollte ich darauf hinweisen, dass nicht die Sehnsucht mich gefangen genommen hat, sondern die Gegenwart, aber ich lasse ihn. „Reineke Fuchs“, sagt er unvermittelt. »Kein Begriff?« »Goethe?« »Richtig. Und dieser Reineke Fuchs schleicht in zwölf Gesängen durch den Schlosspark.«

Sechs Hektar groß ist dieser Park und mit wunderschönen, alten Bäumen bestanden. Da kann Gevatter schon eine Weile schleichen. Natürlich spielt das Liebhabertheater die Hauptrolle, das ein besonders schönes, klassizistisches Kleinod ist. Nach einer sorgsamen Restaurierung wird es mit 75 Sitzplätzen von den Freunden des Liebhabertheaters Schloss Kochberg mit dem Ziel eines »hohem künstlerischen Niveaus unter Einbeziehung von Schloss und Park Kochberg« bespielt.

Hofmann erkennt unseren glücklichen Blick, weiß einen Moment nicht, ob er seinem Vorschlag oder dem Nachschlag aus der Küche zu verdanken ist.

»Sie können auch bis zum Kochberger Nikolausmarkt warten«, meint er unser Zaudern richtig zu deuten. »Nein, nein. Wann schnürt der Fuchs?« »Er schleicht, und zwar am 7. August.«

»Abgemacht.« »Und zwar unter Leitung von Stefan Wey und Jürg Wisbach, es spielt das Hessische Staatstheater Wiesbaden. Und anschließend entführen wir Sie zum Picknick in den Schlosspark, Picknickkörbe können im Schlossrestaurant vorbestellt werden. Sie sind also dabei?«

Er ist einer, dem man nichts abschlagen könnte, selbst wenn man wollte, ein Macher, dieser Hofmann, der noch als Student die Geschäftsführung des Residenzcafes in Weimar übernahm. »Schauen Sie sich das Schloss an«, sagt er unvermittelt, um im nächsten Moment den Jäger in der Küche noch für einen Moment zu sich zu bitten. Das Anschauen hatten wir schon längst. Das Wasserschloss stammt aus dem 16. Jahrhundert, wurde wiederholt umgebaut und befand sich von 1733 bis 1946 im Besitz der Familie von Stein. Nicht nur Goethe war hier zu Gast, auch Friedrich Schiller mit Charlotte, das Ehepaar Herder, die herzogliche Familie und viele andere.

»Sie können auch bleiben«, meldet sich Hofmann wieder bei uns. »Heute Abend gibt es `Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe`, das ist ein sehr sehenswertes Einpersonenstück von Peter Hacks in der Regie von Regine Heintze.« Er meint es gut, aber er quält uns auch, weil er unsere Faszination für Oberkochberg, dieses Arkadien weit hinten im Wald, spürt. »Leider geht es nicht. Aber wir sehen uns am 7. August um 17:00 Uhr.« Wir steigen ins Auto, und die Wirklichkeit hat uns wieder.

Hans-Herbert Holzamer

Gewinnfrage: Wann wird Reinecke Fuchs im Liebhabertheater aufgeführt?

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